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Oberösterreich
Illusionen braucht der Mensch / l'Homme a besoin d'illusions
Berlin / 2009-04-23
Catherine Umbdenstock |
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ProgrammheftSprachlosigkeit
Dieser Punkt hat mich von Anfang an an Horváths
Stücken fasziniert : die bewusste Katastrophe zwi-
schen dem, was Horváths Figuren sagen und dem,
was sie meinen, zwischen dem, was sie meinen
müssen, weil sie dazu erzogen sind und dem, was
sie zu meinen, obwohl sie es meinen wollen, nicht
in der Lage sind.
Das heißt für mich : Horváths Erkennen der Sprach-
losigkeit, resultierend aus der Sinnlosigkeit von
Sprache, wenn sie nicht mehr in der Lage ist, im
Sprechenden die Erinnerung an die Ansprache her-
vorzurufen, die sie gemeint hat. ...
Horváth hat diesen Prozeß der Sprachlosigkeit für
mich in den Mittelpunkt seiner Arbeiten gestellt,
wenn das auch deshalb schwer erkennbar sein
kann, wie etwa in meinen Stücken, durch wirkli-
ches Schweigen dargestellt wird, sondern eben
durch sprachliche Ersatzhandlungen, eben Floskeln,
Meditieren in Schablonen, Sprichwörtern, Höflich-
keits- und Unwohligkeitsformeln sich entlarvt. ...
Die Sprachlosigkeit seiner Figuren zeigt den Prozeß
der Vermassung. ...
Der äußerliche Prozeß der totalen Entfremdung
wird durch diese Tradition, die das Kleinbürgertum
Horváths der Stummheit der heutigen Fließbandar-
beiter voraus hat, immer wieder aufgehalten; wie
weit er innerlich auch fortgeschritten sein mag. Der
Schein kann gewahrt bleiben. ...
So funktionieren meine Figuren genau nach dem
Schema der Horváthschen, eben nur mit dem
Unterschied, dass ihnen die Sprache des Kleinbür-
gertums nicht zur Verfügung steht. ...
Die Verbrechen meiner Figuren sind nur eine konse-
quente Fortentwicklung : sie vollziehen sich mit der
Zwinglichkeit von Fließbandarbeit. ...
Trotzdem sehnen sich manche Figuren Horváths
auch nur ganz schlicht nach Wahrhaftigkeit, indem
sie versuchen, die Formeln, in denen sie leben, zu
sprengen. Sie sind nur in der Minderzahl.
Diese Dialektik, die in vielen Stücken Horváths das
Drama ist, funktioniert heute nicht mehr, ihre Basis
ist zerstört durch die Entfremdung der Produkti-
onsweise der spätkapitalistischen Epoche, die als
Strafverschärfung nicht nur die Entmündigung des
Arbeiters im Rahmen der Arbeit bringt, sondern im
Gefolge die Freizeitindustrie, die totale Manipulation...
Franz Xaver Kroetz, „Horváth von heute für heute“. In: Theater Heute, 1971
das FernsehenDurch das Fernsehen können ein paar Schaltun-
gen nicht ausgebildet werden. Es gab wahrschein-
lich immer ein gewisses Volumen von Gewalt in
der Welt. ... Aber jetzt passiert was Neues. Immer
mehr Hemmschwellen fallen weg.
Arnhold Gehlen meint, dass die einzig wirkliche
Revolution dieses Jahrhunderts in der Verlagerung
des Umgangs mit organischer auf den mit unorga-
nischer Materie besteht. Das nennt er die anthropo-
Es ist ein anderer Mensch, der eine Melkmaschine
anschließt, als der, der mit den Händen melkt.
Das Zwischenschalten von Apparaten brutalisiert.
Da immer mehr Apparate und Maschinen zwischen
Mensch und Mensch stehen, nimmt die Brutalisie-
rung zu.
Heiner Müller im Gespräch mit Frank Raddatz. Aus : „Für immer
Hollywood. Oder : In Deutschland wird nicht mehr geblinzelt“
(1994)
das SpektakelDas ganze Leben der Gesellschaften,
in welchen die modernen Produktionsbedin-
gungen herrschen, erscheint als eine ungeheure
Sammlung von Spektakeln
Alles, was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine
Vorstellung entwichen.
Die Bilder, die sich von jedem Aspekt des Lebens
abgetrennt haben, verschmelzen in einem gemein-
samen Lauf, in dem die Einheit dieses Lebens nicht
wieder hergestellt werden kann. Die teilweise
betrachtete Realität entfaltet sich in ihrer eigenen
allgemeinen Einheit als abgesonderte Pseudowelt,
Gegenstand der bloßen Kontemplation.
Das Spektakel ist nicht ein ganzes von Bildern,
sondern ein durch Bilder vermitteltes Verhältnis
zwischen den Personen.
Das Spektakel kann nicht als Übertreibung einer Welt
des Schauens, als Produkt der Techniken der Massen-
verbreitung von Bildern begriffen werden. Es ist viel
mehr eine tatsächlich gewordene, ins Materielle über-
tragene Weltanschauung. Es ist eine Anschauung von
Welt, die sich vergegenständlicht hat.
Guy Debord. Aus : „Die Gesellschaft des Spektakels“ (1971)
TraumhölleFickzellen mit Fernheizung
Der Bildschirm speit Welt in die Stube
Verschleiß ist eingeplant Als Friedhof
Dient der Container Gestalten im Abraum
Eingeborene des Betons Parade
Der Zombies perforiert von Werbespots
In den Uniformen der Mode von gestern vormittag
Die Jugend von heute
Soll ich von mir reden Ich wer
Von wem ist die Rede wenn
Von mir die Rede geht Ich Wer ist das
Ich Auswurf eines Mannes Ich Auswurf
Einer Frau Gemeinplatz auf Gemeinplatz ich Traumhölle
Die meinen Zufallsnamen trägt Ich Angst
Vor meinem Zufallsnamen
Heiner Müller, Aus : „Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten“
Gebirgsartzroman
Mein Gebirgsartzroman ist ausgelesen und hat mir
ein entartetes Lebewohl gesagt.
Ein so glücklichkeitssüchtiges Ende geht auch nur
auf der ersten Seite so moraltheologisch mit einer
Treue schwanger. Man erliest sich einen jung-
schweinbratenknusprigen Gebirgsarzt, und der
heilt die Leiden der Tiere, der Menschen und der
Berge, bis eine gut gebügelte Sennerin sich bückt,
weil sie schließlich den Melkkübel zu reinigen hat,
und so nebenbei und ganz zusammenfällig ihre
Ausscheidungsorgane und ihr völlig verkleistertes
Geschlechtsorgan herzeigt. Und so eine Sennerin
hat viele Organe, das sage ich ihnen.
Also der Gebirgsarzt heiratet die Sennerin eiskalt
hinweg aus den erholsamen Bergen, betreibt
einen Geschlechtsverkehr mit ihr auf den Kana-
rischen Inseln und verschließt das Heft mit sich
und seiner Gebirgshure in einer großstädtischen
Arztpraxis auf einer letzten Seite. Und ich bin
alleine und ausgelassen.
Und selber ist man kein Gebirgsarztroman, weil
man keine Berge hat und keinen Gebirgsarzt, weil
man schon viel zu lange verheiratet ist. Wahr-
scheinlich hat alle Gebirgsarztromane der Herrgott
selber geschrieben, der gemeine Hund. Hoffentlich
hat er wenigstens eine ewige Himmelswohnung
eingebaut hinter der letzten Seite.
Werner Schwab, „Pornographie“
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